Das DIVA-5-Interview steht an? Mit der richtigen Vorbereitung wird es zum entspannten und zielführenden Gespräch
Der Gedanke an ein strukturiertes Diagnoseinterview kann aufwühlend sein. Du fragst dich, welche alten Zeugnisse du noch finden musst und wie du deine Symptome so beschreibst, dass sie wirklich verstanden werden. In Österreich gibt es wenig konkrete Anleitung, doch mit einer strukturierten Vorbereitung – die genau auf die österreichischen Gegebenheiten und das DIVA-5 zugeschnitten ist – kannst du mit Zuversicht in das Gespräch gehen. Dieser Leitfaden zeigt dir, welche Dokumente wirklich essenziell sind, wie du sie in Österreich organisierst und wie du deine Symptombeispiele klinisch präzise formulierst.
Was ist das DIVA-5 und warum sind Kindheitsbelege so entscheidend?
Das DIVA‑5 (Diagnostic Interview for ADHD in Adults) ist das Goldstandard-Interview für die ADHS‑Diagnostik bei Erwachsenen und folgt den Kriterien des DSM‑5. Ein zentraler Punkt: Es fordert den Nachweis von Symptomen sowohl in der Kindheit (Alter 5–12 Jahre) als auch im Erwachsenenalter. Klinisch gesehen sind dokumentierte Belege aus der Kindheit ein starker Stützpfeiler für die Diagnose. Sie machen deine Selbsteinschätzung nachvollziehbarer und erhöhen die diagnostische Robustheit. Aber keine Sorge – wenn alte Schulzeugnisse fehlen, gibt es Ersatzwege.
Die Checkliste der essenziellen Dokumente: Prioritätensystem für deine Vorbereitung
Konzentriere dich zuerst auf die Top‑5‑Dokumente. Wenn du diese hast, bist du bereits sehr gut aufgestellt. Wenn nicht, gibt es praktikable Alternativen.
- 1. Zeugnisse der Volksschule: Besonders jene mit handschriftlichen Bemerkungen zu Arbeitsverhalten, Konzentration oder Sozialverhalten (z. B. „arbeitet oft unkonzentriert“ oder „stört häufig den Unterricht“). Ersatz: Schriftliche Erinnerungen der Eltern oder eines ehemaligen Lehrers/einer Lehrerin, die solche Situationen konkret beschreiben.
- 2. Dokumentierte ärztliche oder therapeutische Befunde aus der Kindheit/Jugend (z. B. Ergotherapie‑Berichte, Schulpsychologisches Gutachten). Ersatz: Eine aktuelle schriftliche Stellungnahme der behandelnden Ärztin/des behandelnden Arztes, die auf Basis deiner Schilderungen die Kontinuität der Symptome bestätigt.
- 3. Aktuelle ärztliche Unterlagen: Ein aktueller Befund‑ oder Überweisungsbericht deines Hausarztes/deiner Hausärztin. Diesen kannst du dir jederzeit ausstellen lassen.
- 4. Ein strukturiertes Selbstprotokoll: Hier kommt das unten beschriebene Symptom‑Template ins Spiel – es ist genauso wertvoll wie altes Papier.
- 5. Ein kurzes Fremdanamnese‑Statement: Eine einseitige, konkrete Beschreibung einer nahestehenden Person (z. B. Partner:in, Eltern, langjährige Freundin) zu typischen Verhaltensweisen in Kindheit und Gegenwart.
Wie du Unterlagen in Österreich konkret anforderst: Schule, Arztpraxis und ELGA
Für Österreich‑spezifische Wege gibt es klare Vorgehensweisen. Für Schulakten wendest du dich schriftlich (per Einschreiben oder E‑Mail) an das zuständige Bildungsdirektorat oder direkt an das Archiv der besuchten Schule. Formuliere deine Anfrage präzise: „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit beantrage ich gemäß § 29 DSGVO Einsicht in meine persönlichen Schulunterlagen (insbesondere Schulzeugnisse mit Vermerken) aus der Zeit von [Jahr] bis [Jahr] für die Zwecke einer medizinischen Diagnostik. Ich bitte um Zusendung als Kopie.“ Für medizinische Unterlagen aus der Vergangenheit ist der Weg ähnlich: Anfrage an die frühere Arztpraxis oder das Krankenhaus. Bei aktuellen Befunden kann dir dein:e Hausarzt/-ärztin oder Facharzt/-ärztin diese ausstellen. Nutze auch die elektronische Gesundheitsakte ELGA: Dort kannst du über deine Bürgerkarte oder Handy‑Signatur Einsicht in gespeicherte Befunde und Entlassungsbriefe nehmen – ein schneller und offizieller Weg.
Ein konkretes Template für deine Anfrage per E‑Mail
Betreff: Anfrage auf Datenauskunft / Einsicht in Schulakten nach DSGVO
An: post@bildung-direktion.at oder das jeweilige Schularchiv
Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist [Dein Name], geboren am [Dein Geburtsdatum]. Ich besuchte von [Jahr] bis [Jahr] die [Name der Schule, z.B. Volksschule Musterstadt]. Für eine medizinische Abklärung benötige ich Kopien meiner Schulunterlagen aus dieser Zeit, insbesondere der Schulzeugnisse.
Ich bitte Sie hiermit gemäß § 29 Datenschutzgesetz (DSGVO) um Auskunft über die zu meiner Person gespeicherten Daten und um Übersendung von Kopien dieser Unterlagen. Die Kostenübernahme für anfallende Gebühren und Kopien bestätige ich.
Meine Kontaktdaten für Rückfragen:
Adresse: [Deine Adresse]
E‑Mail: [Deine E‑Mail]
Telefon: [Deine Telefonnummer]
Mit freundlichen Grüßen,
[Dein Name]
Symptombeispiele richtig formulieren: Das 5‑Felder‑Template für maximale Klarheit
Im Interview zählen konkrete, quantifizierbare Beispiele. Nutze dieses einfache Template für jedes Symptom, das du schildern möchtest. Es strukturiert deine Gedanken genau so, wie die interviewende Fachperson sie braucht.
- Situation: Wo/wann trat das Verhalten auf? (z.B. „während der Arbeitszeit im Home‑Office“)
- Konkretes Verhalten: Was hast du genau getan/unterlassen? (z.B. „ich habe fünf verschiedene Tabs geöffnet, angefangen E‑Mails zu beantworten, dann zur Social‑Media‑App gewechselt, ohne eine Aufgabe abzuschließen“)
- Häufigkeit: Wie oft passiert das? (z.B. „an 4 von 5 Arbeitstagen“)
- Beeinträchtigung: Welche negativen Folgen hatte es? (z.B. „Projekte verzögerten sich, ich musste Überstunden machen, fühlte mich frustriert und minderwertig“)
- Folge/Versuche der Kompensation: Was hast du versucht, um dem entgegenzuwirken? (z.B. „Ich stellte einen Timer, schaltete das Handy aus – es half nur für kurze Zeit“)
Ausgefülltes Musterbeispiel für das Kriterium „Aufmerksamkeit“
Kindheit (Alter 10):
1. Situation: Bei den Hausaufgaben am Küchentisch.
2. Verhalten: Ständiges Aufstehen, zum Kühlschrank gehen, aus dem Fenster schauen; die eigentlich 20‑minütige Rechenhausübung zog sich über zwei Stunden.
3. Häufigkeit: Fast jeden Schultag.
4. Beeinträchtigung: Oft unfertige Hausaufgaben, Ärger mit den Eltern und der Lehrerin, schlechte Mathematik‑Noten.
5. Folge: Meine Mutter setzte sich daneben und kontrollierte jede Aufgabe – nur so kam ich voran.
Aktuell (Erwachsenenalter):
1. Situation: Während Teams‑Meetings.
2. Verhalten: Ich verliere nach wenigen Minuten den Faden, beginne nebenbei E‑Mails zu checken oder private Dinge zu googeln, und kann den Diskussionsstrang nicht mehr folgen.
3. Häufigkeit: In 80 % der Meetings länger als 30 Minuten.
4. Beeinträchtigung: Ich muss Kolleg:innen nach Details fragen, verpasse wichtige Informationen und wirke desinteressiert.
5. Folge: Ich versuche, handschriftlich mitzuschreiben, um bei der Sache zu bleiben, aber meine Notizen werden schnell unleserlich und unstrukturiert.
Die praktische Vorbereitung für den Interview‑Tag
Plane für den Termin mindestens zwei bis drei Stunden ein – das Interview selbst dauert oft 1,5–2 Stunden, dazu kommen Vor‑ und Nachgespräche. Überlege, ob eine vertraute Begleitperson mitkommen soll, besonders für Teile der Fremdanamnese. Übe im Vorfeld mit dieser Person ein kurzes Rollenspiel: Sie stellt einfache Fragen wie „Kannst du mir eine typische Situation aus deiner Schulzeit beschreiben, in der du unaufmerksam warst?“, und du antwortest strukturiert mit dem 5‑Felder‑Template. Das nimmt Nervosität. Lege am Tag des Interviews alle Unterlagen sortiert und griffbereit in einer Mappe bereit. Ein einfacher „Lebenslinie“‑Zettel, auf dem du prägende Stationen und Symptom‑Höhepunkte von der Kindheit bis heute notierst, kann als wertvolle Gedankenstütze dienen.
Was du vermeiden solltest
Vermeide allgemeine Aussagen wie „Ich war schon immer chaotisch“. Stattdessen lieferst du das konkrete Beispiel von gestern, als du den Hausschlüssel im Kühlschrank gefunden hast. Vermeide es, deine Symptome zu bagatellisieren („Das hat doch jeder mal“) oder zu dramatisieren. Bleibe bei den Fakten. Und vergiss nicht: Die interviewende Fachperson ist auf deiner Seite. Ihr Ziel ist es, ein klares Bild zu bekommen, um dir die bestmögliche Hilfe anbieten zu können.
Häufige Fragen und nächste Schritte
Was, wenn ich gar keine Unterlagen aus der Kindheit finde? Das ist nicht ungewöhnlich und kein Ausschlusskriterium. Konzentriere dich dann auf die Ersatzbelege: das strukturierte Selbstprotokoll, das Fremdanamnese‑Statement und eventuell noch vorhandene Fotos oder Tagebücher, die indirekt auf Symptome hindeuten (z.B. Fotos vom unordentlichen Kinderzimmer, Tagebucheinträge über schulische Probleme).
Soll ich meine komplette ELGA‑Akte ausdrucken? Nein, das ist nicht nötig und für die Diagnostikerin oft zu viel. Wähle gezielt relevante Befunde aus, wie z.B. neurologische oder psychiatrische Konsiliarberichte, die im Zusammenhang mit deinen Beschwerden stehen.
Was passiert nach dem DIVA‑5? Die Fachperson wertet das Interview aus und bespricht die Ergebnisse mit dir – meist in einem separaten Termin. Gemeinsam könnt ihr dann über weitere Schritte wie Psychotherapie, Coaching oder eine medikamentöse Behandlung sprechen. Denke daran, dass eine ADHS‑Diagnostik oft der Beginn eines besseren Verständnisses für dich selbst ist. Wenn du mehr über die Bandbreite der Symptome und den gesamten österreichischen Diagnoseweg wissen möchtest, bietet dieser umfassende Leitfaden zu 18 zentralen ADHS‑Anzeichen bei Erwachsenen und dem Weg zur Diagnose vertiefende Informationen.
Deine Vorbereitung ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Diagnosegespräch. Indem du deine Unterlagen strukturierst und deine Erfahrungen klar formulieren kannst, schaffst du die Basis für eine verlässliche Einschätzung und damit für passgenaue nächste Schritte. Nimm dir die Zeit, die Checkliste abzuarbeiten und ein paar Symptom‑Beispiele nach dem Template vorzuformulieren – dieser Aufwand zahlt sich im Gespräch doppelt aus.